Eigentlich sollte ich jetzt in London sein. Die Reise war lange geplant, denn ich wollte den VE-Day unbedingt auf dem Trafalgar Square feiern. Nun ist es unmöglich geworden, denn das Corona Virus hat die Stadt beschlagnahmt. Seit Wochen gelten weltweite Reisewarnungen. Deutschland rät bis zum 14. Juni 2020 vor Auslandsreisen ab und das Vereinigte Königreich legt sich schon gar nicht mehr fest. ‚An undefinite period‘ wurde ausgerufen, nachdem die erste Warnung Mitte April ablief. Mein geliebtes Strand Palace Hotel in Covent Garden hofft auf baldige Wiedereröffnung. Man bereitet sich auf den 22. Mai vor, aber die Schliessung könnte noch einmal verlängert werden. Hoffentlich können sie es finanziell überleben. Die mehrjährige Renovierung aller Räume hat Millionen gekostet und war gerade abgeschlossen. Man wollte mit einer großen Party die ‚roaring twenties‘ eröffnen und nun ist alles ganz anders gekommen.

Ich bin Optimist, hatte zunächst gehofft wenigstens im Juni London besuchen zu können. Das Ticket für die Geburtstagsparade der Queen hatte ich schon vor Monaten im Internet gekauft und dann kam ziemlich frühzeitig die Absage. Damit war klar, das auch der Juni keine Option sein würde. Heute, am 5. Mai, sieht die Zukunft düsterer aus als jemals zuvor. Bei uns, in Hamburg, geht es wie überall in Deutschland spürbar bergauf. Die Ansteckungszahlen nehmen schon seit einiger Zeit deutlich ab und deshalb kann schrittweise das Leben, wie wir es kennen, wieder starten. Gestern habe ich mir einen Termin beim Friseur geholt und das Einkaufen erledige ich mit Mundschutzmaske, inzwischen wieder ganz entspannt. Zum Glück betreffen mich die Beschränkungen nicht existenziell, wofür ich täglich dankbar bin. Viele in meinem Bekanntenkreis trifft es härter und sie müssen mit der Angst vor der ungewissen Zukunft fertig werden.

 

Im Londoner Underground ist es still geworden. Ein kleines Mäuschen huscht über den Bahnsteig. Es wundert sich, wo denn all die Menschen abgeblieben sind. Seit Wochen nur noch ein Notverkehr. Die Züge fahren alle 15 bis 20 Minuten. Normalerweise haben sie einen 2 bis 3 Minuten Takt.

 

Im Vereinigten Königreich sieht es im Vergleich zu Deutschland eher düster aus. Das Virus hatte sich dort einige Tage später als bei uns eingenistet. Der zeitliche Abstand war nicht groß, aber man versäumte in den entscheidenen ersten beiden Wochen vieles, was sich anschliessend als nachteilig erwies. So waren die Pubs noch einige Tage geöffnet, auch die Kinos und man kümmerte sich zunächst wenig um die gebotene Distanzierung. Dann wurden auch die Engländer per Gesetz aufgerufen zuhause zu bleiben. Die Schulen wurden geschlossen und die Büroarbeit vom Küchentisch  aus erledigt. Gleichzeitig trat ein Notfahrplan der U-Bahn inkraft, der deutlich weniger Züge fahren liess. Das führte dazu, dass die wenigen Tubes genauso voll waren wie zu normalen Zeiten. Man stand also dicht gedrängt und anfangs ohne Mundschutz in den Waggons. Wieder hatte man das eigentliche Ziel verfehlt. Irgendwie schienen die Engländer immer die deutsche Vorgehensweise zu kopieren. Stets wurde unsere Strategie mit wenigen Tagen Verzug nachgemacht. Und doch ging alles schief. Der Höhepunkt war sicherlich die Covid-19 Erkrankung des Premierministers und mit ihm gleich etliche Mitarbeiter und Kabinettskollegen. Dann ging es Schlag auf Schlag. Im TV lief noch die Ansprache der Queen, als zeitgleich Boris Johnson ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Am nächsten Morgen die schockierende Nachricht, dass er auf die Intensivstation verlegt worden war. Ein 24-stündiger Kampf um Leben oder Tod begann. Es ging gut aus, sogar sehr gut. Ein erschöpfter, aber glücklicher Boris Johnson verliess am Ostersonntag das Krankenhaus. Gut zwei Wochen später wurde er Vater. 

 

Der Premierminister ist zurück. Aber ist er wirklich schon wieder fit? Seine Haare sind sogar für seine Verhältnisse ziemlich wirr, aber das ist sympathisch. Es zeigt nämlich, dass er die Regeln einhält. Die ‚Groomer‘ haben auch in UK geschlossen.

 

Das war der Wendepunkt im Bewußtsein der Engländer. Ihnen wurde klar, wie gefährlich die Situation war. Von nun an hielt man sich diszipliniert an alle Regeln. Eine Umfrag ergab, dass plötzlich deutlich mehr Menschen unter Angst litten. Gleichzeitig stieg die Zahl der Toten in den Altersheimen auf erschreckende hohe Werte an. Nun isolierte man sich, was in den kleinen Wohnungen nicht einfach ist. Selbst auf das geliebte Angeln wurde verzichtet und das ist bekanntlich kein Mannschaftssport. Am heutigen Tag schauen die Engländer besonders neidisch auf die Entscheidungen, die in Deutschland getroffen werden. Sie möchten uns so gerne folgen, hoffen auf die Öffnung der Geschäfte, der Parks, der Museen und Kinos, der Zoos und des Towers. Gestern glaubte Boris Johnson, dass der Höhepunkt der Epedemie überwunden sei. Heute holen ihn die Fakten ein. England hat einen traurigen Rekord erzielt, indem es nunmehr die meisten Todesfälle in ganz Europa meldet. Und noch ein Rekord lässt Schlimmes ahnen. Über die Hälfte aller britischen Erwachsenen erhalten inzwischen ihr Geld vom Staat. Sei es inform von Sozialleistungen oder dem gerade eingeführten ‚furlough scheme‘, dass dem deutschen Kurzarbeitergeld gleichkommt. Dafür wurden keine Mittel zurückgelegt und nun droht der Bankrott. Der Lock-Down gilt noch bis zum 10. Mai, dann muß neu bewertet und entschieden werden. Der eigentlich noch in Genesung befindliche Premierminister muß erneut an seine Grenzen der Belastbarkeit gehen. Eine riskante Entscheidung, aber es scheint keinen Ersatz zu geben. Alle schauen auf ihn, sein Wort zählt und er wird Entscheidungen treffen müssen, die für lange Zeit die Zukunft der Briten bestimmen werden. Er wird inzwischen sicherlich vorsichter vorgehen, aber finanziell steht den Menschen das Wasser bis zum Hals. Und dann wäre da ja auch noch der Austritt aus der EU zu regeln. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.

Zum Glück muß ich mich nur um meine aufgeschobene London Reise kümmern. Ich habe Gutscheine bekommen, sowohl vom Hotel als auch von British Airways. Wahrscheinlich hätte ich auf Rückzahlung bestehen können, aber irgendwie war mir nicht danach. Normalerweise bin ich alle paar Wochen in London, da ist es kein Problem die Sache auf diese Weise zu regeln. Aber jetzt kommen mir doch erste Zweifel. Ich plane inzwischen für den September, aber wer weiß, ob dann schon wieder regulärer Reiseverkehr möglich sein wird. Ich möchte mich schließlich nicht im Hotelzimmer isolieren, um eine mögliche Quarantänezeit zu überbrücken. Also vielleicht doch lieber Oktober oder gleich Dezember planen? Aber was ist, wenn der Virus im Herbst zurückkommt? Erlebe ich dann die ganze Enttäuschung noch einmal von vorne? Schluß mit Grübeln! Es ist wie es ist und eigentlich bin ich bisher ziemlich glimpflich davon gekommen. Statt zu jammern, schließe ich mich lieber dem englischen Optimismus an und singe mit ihnen gemeinsam am Freitag (VE-Day) das Lied, das Vera Lynn berühmt gemacht hat. Sie singt: „We’ll meet again, don’t know where, don’t know when, but I know we’ll meet again some sunny day.“ Die alte Dame hat vor kurzem ihren 103. Geburtstag gefeiert. Sie sieht wunderbar aus, ist überraschend vital und wurde gerade von der Queen geehrt, die ihre Liedzeile nutzte, um den Briten Mut zuzusprechen. Am besten schauen und hören Sie es sich selbst an. Die Royal Albert Hall lädt kostenlos dazu ein. Am 8. Mai wird ein halbstündiges Konzert im Internet live übertragen. Sie können sich auf der Webseite der Royal Albert Hall einklicken. Es beginnt um 6pm, also um 19:00 Uhr deutscher Zeit. Ich werde auch zuschauen und natürlich mitsingen. Auch das habe ich in England gelernt und es tut mir immer gut.

 

 

 

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