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London narrow lanes

  • Narrow & crooked
  • Goodwin's Court
  • Bull Inn Court
  • Brydges Place
  • Lumley Court

Warum sind die Strassen in London so schmal? Fahren Sie mal mit dem Bus von Big Ben zur St Paul’s Cathedrale. Also einmal quer durch die Innenstadt, auf der Haupt-Ost-West-Achse, die von den Strassen Strand und Fleet Street gebildet wird. Da kommen Sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Bus kriecht im Schneckentempo die Straße entlang, vor ihm ein Dutzend anderer Busse und etwa gleichviele folgen ihm. Dazwischen unzählige Taxen, Radfahrer und PKW’s. Natürlich auch Fußgänger. Ganz zu schweigen von den Handwerkern in ihren Kleintransportern und den Lieferanten für die Supermärkte im LKW mit Anhänger. Alle quälen sich durch die immerhin anfangs vierspurige Strasse, die sich dann aber bald auf zwei Fahrbahnen verengt. Ein altes Stadttor mußte weichen, es war für Pferdekutschen dimensioniert, aber ein meterhoher Drache, der die City bewacht, die sogenannte Temple Bar, blieb mittig auf der Strasse stehen und wird von den Linienbussen im Abstand von wenigen Zentimetern umkurvt. Niemanden stört es, im Gegenteil, man freut sich über das fauchende Wappentier.

Das hier etwas ganz anders als bei mir zuhause läuft, merkte ich sofort, aber es dauerte ziemlich lange, bis ich die Gründe langsam verstand. Keine Frage, die Engländer empfinden oftmals anders als wir es tun, und das gilt auch, wenn es um den heimischen Wohlfühlfaktor geht. Ein Freund, ein geborener Londoner, verriet es mir, indem er mir sagte: „We have a preference for the small-scale, domestic, crooked, ancient and romatic look.“ Mit anderen Worten, die Engländer freuen sich am Alter ihrer Häuser, sie schätzen die Geschichte, die es erzählt, hoch ein. Dafür verzichtet man gerne auf Komfort und moderne Technik. Sie mögen kleine, etwas schiefe Häuser und sie akzeptieren die Spuren, die die Zeit in die Fassade gefressen hat, ohne wenn und aber. Kurzum, man hält am Bewährten fest und steht Erneuerungen stets skeptisch gegenüber. Oder anders gesagt, man findet den Wert einer Sache eher in ihrem Alter als in der Makellosigkeit des Neuen.

Würde man einen mittelalterlichen Strassenplan über den heutigen Londer Stadtplan legen, dann wären die Strassen im Zentrum deckungsgleich. Nichts hat sich geändert, aber es fehlte nicht sehr viel und alles wäre ganz anders gekommen. Nämlich nach dem großen Brand, im Jahr 1666. Da hatte der geniale Architekt Christopher Wren bereits einen ganz neuen Entwurf für den Stadtkern entworfen. Der Plan sah breite Strassen vor, ein rechteckiges Muster von Boulevards, wie wir es beispielsweise von Paris kennen. Zum Glück lehnten die Londoner Grundbesitzer ab und ihr König, Charles II., gab ihnen Recht. Alles mußte genau so wieder aufgebaut werden, wie es vorher war. Binnen fünf Jahre entstanden 9.000 Häuser und weit über 100 Kirchen, alle genau wieder dort, wo sie schon seit Urzeiten ihren Platz hatten.

Es gibt nur wenige Neuerungen, wenige moderne Strassen, die alle später hinzukamen. Man kann sie leicht erkennen, wie mein Freund meint, und er verriet mir auch wie: „… the general rule in the centre of London is that, if you find a street unsympathetic, it will be a Victorian redevelopment.“ Damit spielt er auf die bauwütige Zeit an, die während Queen Victorias Regentschaft ausgebrochen war. Damals entstanden Strassen wie Kingsway, Queen Victoria Street, Victoria Street und Charing Cross Road. Sie sehen aus, wie man sich eine Strasse in einer Millionenstadt vorstellt: breit, gerade und langweilig. Zum Glück blieb es bei diesen wenigen Ausnahmen. Daran änderten auch die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg nichts. Sie zerstörten zwar weite Teile der Innenstadt, aber die Londoner bauten stoisch alles wieder auf. Wussten Sie, dass alleine der Buckingham Palace von 16 Bomben getroffen wurde, die natürlich auch detonierten. Auch Big Ben wurde ein Bombenopfer und das House of Parliament erwischte ein Volltreffer. Sogar die über 1.000 Jahre alte Temple Church wurde im Krieg schwer beschädigt. Davon sieht man heute nichts mehr, alles wurde wieder instant gesetzt und im alten Stil neu errichtet. Auch damals kam zum Glück niemand auf den Gedanken, die teilweise flächendeckende Zerstörung als Grund für eine Genralüberholung der über Jahrhunderte gewachsenen Infrastruktur nutzen zu wollen. Diese Liebe des Engländers zu seiner Vergangenheit und Geschichte macht den Unterschied und sie ist das Geheimnis, warum London so einzigartig und liebenswert ist. A modern cosmopolitan city with a little shambolic.

 

 

Diese schmale Gasse übersieht man schnell. Sie verbindet die Strassen St Martin’s Lane mit Bedfordbury, beide im West End, kurz hinter der Kirche St Martin-in-the-fields. Die alten terrace houses stehen sich an beiden Seiten eng gegenüber. Viele davon haben große Schaufenster, deren Rahmen nach außen gebogen sind. Es sieht wie eine große Beule aus und das ist es eigentlich auch. Früher waren hier Geschäfte aneinandergereiht, dann zogen Büros ein. Die Häuser auf der Südseite wurden 1690 gebaut, aber die markanten Schaufenster wurden erst Ende des 18. Jahrhunderts hinzugefügt.

Abends, bei Dunkelheit, ist es hier ebenso gespentisch wie romantisch. Die kleine Strasse wird nämlich noch immer mit Gaslaternen beleuchtet. Auf einem Schild an der Hauswand kann ich folgendes lesen: „Goodwin’s Court (replacing Fishers Alley). First appeared in the rate-books in 1690 and it seems probable that the houses in the Court where errected in that year.“ 

Meistens ist kein Mensch in diesen Gassen, denn sie werden schlicht von den Touristen übersehen. Hin und an kommt aber eine ganze Gruppe angerückt, die von einem Guide durch das West End geführt werden. Der behauptet dann stets, dass diese kleine Strasse dem Filmteam von Harry Potter die Idee zur Diagon Alley gegeben haben soll. Andere verkaufen den nahegelegenen Cecil Court als die wahre Potter-Film-Strasse. Anyway, der Goodwin’s Court ist eben keine Filmkulisse, sondern ein Zeitzeuge in Covent Garden. Die Gasse und die Häuserzeile sind über 300 Jahre alt. Und das beeindruckt mich jedes Mal sehr, wenn ich dort hineinschaue.

Ein berühmter Mieter im Goodwin’s Court war Nell Gwynne, eine Schauspielerin in den West End Theatres. Sie kam aus sehr ärmlichen Verhältnissen, hatte möglicherweise nie die Schauspielerei gelernt, war aber ungewöhnlich schön. Das fiel auch dem König auf und prompt wurde sie seine Mätresse. Also eine von vielen, denn Charles II. hatte Frauen gerne um sich. Nell wurde vom König nie geadelt, erhielt aber eine lebenslange Rente und ein Haus. Auf dem Totenbett soll Charles II. geflüstert haben: „Let not poor Nelly starve.“ Daran hielt sich sein Bruder und zahlte Nell Gwynne auch weiterhin eine Rente. Sie ist genau wie ihre Mutter in St Martin-in-the-fields begraben worden. Das geschah allerdings schon 1687, also bevor die Häuserzeile im Goodwin’s Court gebaut wurde.

 

Was für eine nette Idee. Am Valentinstag hat man einen herzförmigen Spiegel ins Schaufenster gehängt und bietet den Besuchern an ein Selfie zu machen. Darauf lasse ich mich gerne ein. – Es ist eines dieser bogenförmigen Fenster.

 

Der Bull Inn Court verbindet die Strassen the Strand mit der Maiden Lane in Covent Garden. Hier laufen zahllose Touristen vorbei, alle wollen zum Trafalgar Square, aber so gut wie keiner nimmt den schmalen Durchgang wahr. Mittags ist es ein bißchen anders, denn dann macht der Pub auf, der dort ziemlich versteckt liegt. Auch sein Name erinnert an die berühmte Schaupielerin, die ich schon beim Goodwin’s Court vorgestellt habe. Die ‚Tränke‘ heißt ‚The Nell Gwynne Tavern‘ und ist schon deshalb erwähnenswert, weil es eine der wenigen freien Kneipen ist. Fast alle anderen gehören zu Brauereihäusern und deshalb hat man ständig ein déjà-vu Erlebnis, spätestens wenn man in die Speisekarte schaut. Hier also ist der Wirt noch ein wahrer Landlord und deshalb gehe ich gerne dort abends auf einen Drink vorbei. (Ja, ich weiß, auch hier steht eine Company dahinter. Aber keine Brauerei.)

Der Bull Inn Court ist breiter als die anderen Gassen in dieser Gegend, sonst ginge das mit dem Pub vermutlich gar nicht. Schließlich ist es in London Sitte sein Bier draußen zu trinken, egal ob im Sommer oder Winter. Abends ist es also ziemlich gedrängt voll und man kann schnell Kontakt finden, denn man muß nahe beieinander stehen. Auch hier lassen sich die Häuser schon 1680 nachweisen, als auf der Nordseite des Strand hauptsächlich Pferdeställe zu finden waren. Auch der Pub, der früher Bull Inn hieß, stammt aus dieser Zeit. Nur der Eingang, der leuchtend rot lackiert ist, wurde später eingebaut.

Die Gasse ist eine hilfreiche Abkürzung, wenn man dem Gedränge auf dem Strand und rund um den Trafalgar Square entgehen möchte. Aber abends ist es nichts für schwache Nerven. Angeblich hat hier, im früheren Pub, ein Mann gearbeitet, der heute als Geist in der U-Bahn Station Covent Garden herumspukt. Dazu auch noch ein spektakulärer Mord in der Maiden Lane, am Hinterausgang des Theaters. Diese Legenden reichen, um auf der Hut zu sein. Neben dem Pub und dem Adelphi Theatre sind hier auch ein paar ganz normale Wohnungen zu finden. Sie dürften eine Miete haben, die nicht jedermann bezahlen kann. Dafür ist die Lage einfach zu gut. Aber wie um alles in der Welt bekommt man seine Möbel durch die enge Gasse? Das hat sich mir bisher noch nicht erschlossen, vielleicht kann ich es bei einem Schluck Bier erfahren, wenn ich demnächst wieder dort bin.

 

Der Bull Inn Court ist keine Schönheit. Abends werden die Gaslampen angemacht, dann sieht es netter aus. Aber er ist eine prima Abkürzung, wenn man ins West End will.

Diese Gasse verläuft parallel zum Goodwin’s Court. Sie ist wirklich schmal, an der engsten Stelle nur 38 Zentimeter, ich habe es nachgemessen. Nichts für Bierbäuche, die könnten leicht stecken bleiben. Entsprechend dunkel ist es in dem Durchgang, was durch finstere Wandmalereien noch verstärkt wird. Aber alles interessant anzusehen, ich rate also durchaus dazu einen Blick in bzw. hinter Londons Kulisse zu werfen. Der Name führt zur Familie Bedford, nämlich zu Catherine Brydges of Chandos

Die Nordseite der Gasses wird hauptsächlich vom Londoner Opernhaus (London Coliseum) begrenzt. Als das 1904 eröffnet wurde, hatte man auch Brydges Place renoviert. Aber schon lange vorher gab es diese Passage, die damals noch als Turner’s Court bekannt war. Früher lebten hier Menschen in winzig kleinen Räumen. Der Gestank war unerträglich, die Armut groß. Heute gibt es nur noch eine Wohnung in der kleinen Strasse, die als Privat Club von Theaterbesuchern genutzt wird. Dort liegt dann eher der schwere Duft von teuren Parfum in der Luft.

 

Kaum jemand traut sich in den Durchgang ‚Brydges Place‘ hinein. Es ist vielleicht die schmalste Strasse Londons? Aber es ist ein reguläre Strasse, mit Adresse, Schild und Haustüren.

 

 

Diese Gasse führt uns zurück zum Strand. Dort findet man sie auf der Nordseite, parallel zum Bull Inn Court. Der Lumley Court führt durch die Häuser bis zur Maiden Lane. Wenig spektakulär, dafür aber uralt. Diese Gasse gab es schon während der Regierungszeit von Elizabeth I., also im 16. Jahrhundert. Die eine Seite wird vollständig vom Vaudeville Theatre gefüllt, da ist nur schlichte Hauswand zu sehen. Auf der Gegenseite, an der Ecke zum Strand, hat eines der ältesten Briefmarkenhändler seine Geschäftsstelle. Ja, in England sammeln die Gentlemen noch immer die Stamps aus aller Welt und freuen sich über die Größe des Commonwealth

Die schmale Gasse wird in der Mitte noch einmal deutlich enger, denn dort ist eine Treppe ans Haus angebaut worden, die abenteuerlich in das Obergeschoss führt. Hoffentlich ist das nicht der Notausgang des Theaters, denn dann würden die Zuschauer im Fall des Falles vermutlich ziemlich erschrocken stehen bleiben, statt zu fliehen. Geht man weiter, dann kommt man an eine kleine Treppe, die auf das Strassenniveau der Maiden Lane führt. Früher reichte der Durchgang nur bis hierhin, denn dort war die Bebauung an der Maiden Lane geschlossen.

Aus den vielen Lüftungsgittern in der Wand strömt warme Luft, aber das zieht in der Nacht wohl auch so manchen Wildpinkler an, denn der Geruch von Urin liegt oftmals in der Luft. Auch hier wohnen Leute und das vermutlich zu teuren Mieten. Man geht direkt an ihren Fenstern vorbei und sie schauen meistens ziemlich erschrocken drein, wenn sie dort gerade durchs Fenster stieren. Die Sonne erreicht diese schmalen Strassen nie. Weil die wenigen Anwohner immer überrascht reagieren,  vermute ich, dass nur sehr wenige Leute den Lumley Court nutzen, um auf direkten Weg zum Covent Garden zu kommen.

 

Der Lumley Court gibt nicht viel her, ist aber eine gute Alternative zum Bull Inn Court, wenn dort am Abend wegen der Pub Gäste kein Durchkommen mehr ist.

 

 

 

 

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